So teste ich E-Bikes: Reichweite, Steigung, Bremsweg

Ein E-Bike zeigt sein wahres Gesicht nicht im Prospekt, sondern an steilen Anstiegen, bei Gegenwind und nach der dritten Woche im Alltag. Hier steht, wie ich messe, statt abzuschreiben, was ich alles prüfe und wie aus den Werten am Ende eine nachvollziehbare Note wird.

Dieses Protokoll gilt für jedes E-Bike, das ich selbst fahre. Es ist ein fester Testbogen, kein Bauchgefühl. Die gemeinsame Test-Philosophie für E-Bikes und E-Scooter steht auf der Übersichtsseite zu meinem Testverfahren. Hier wird es konkret.

Reichweite: gemessen, nicht geschätzt

Weinberg-Runde bei Stuttgart als Teststrecke mit starken Anstiegen und Abfahrten
Hier fahre ich meine Weinberg-Runde mit teilweise sehr starken Anstiegen, und auch die Bremsen kann man hier bei den Abfahrten gut testen.

Die Herstellerangabe zur Reichweite ist fast immer eine Bestnote unter Idealbedingungen: leichter Fahrer, flache Strecke, kleinste Unterstützung, mildes Wetter. Mit dem echten Leben hat das wenig zu tun. Deshalb messe ich selbst.

So messe ich die Reichweite

Ich fahre eine feste Mischrunde aus Stadt, Land und Anstieg. Danach lade ich den Akku wieder voll und hänge dazu ein Wattmeter zwischen Steckdose und Ladegerät, bei mir ein Shelly-Stecker mit Energiemessung. Der zeigt mir auf die Wattstunde genau, wie viel Energie beim Laden nachgeflossen ist, Ladeverluste inklusive. Aus dieser nachgeladenen Energie und den gefahrenen Kilometern rechne ich den realen Verbrauch pro Kilometer aus und daraus die ehrliche Reichweite über die volle Akkukapazität. Zur Gegenkontrolle lese ich zusätzlich die Ruhespannung des Akkus vor und nach der Runde ab. Die Prozentbalken im Display nehme ich nur als Notnagel, falls mal kein Messwert vorliegt, weil sie zu grob sind.

Für die Wertung gibt es bis zu 5 Punkte, und der Maßstab richtet sich nach dem E-Bike-Typ. Ein schweres Fatbike messe ich nicht an der Reichweite eines leichten City-Rads, sonst wäre der Vergleich unfair.

Realer Wert: 60 bis 75 Prozent

Unterm Strich liegt die reale Reichweite meist bei 60 bis 75 Prozent der Herstellerangabe. Wer also einen Pendelweg plant, sollte mit dem gemessenen Wert rechnen, nicht mit der Zahl auf dem Karton. Genau deshalb fahre ich auch mal bei einstelligen Temperaturen und Gegenwind, weil sich da zeigt, was wirklich drin ist.

Steigung: zwei feste Rampen

Am Berg trennt sich die Spreu vom Weizen. Ein Motor mit ordentlich Drehmoment zieht dich gleichmäßig hoch, ein schwacher fängt an zu hängen, sobald es ernst wird. Damit ich Modelle fair vergleichen kann, nutze ich immer dieselben zwei Rampen:

  • eine 7,1-Grad-Rampe, das sind rund 12,5 Prozent Steigung
  • eine 8,1-Grad-Rampe, also etwa 14,2 Prozent

Beide fahre ich mit meinen 100 kg auf dem Rad an, locker und gleichmäßig mittretend, in derselben Unterstützungsstufe, und halte fest, welches Tempo ich oben halten kann. Beim M60 Fatbike waren das an der 7,1-Grad-Rampe ganz locker rund 23 km/h, an der steilen 8,1-Grad-Rampe, die für fast jedes E-Bike eine echte Hürde ist, noch rund 17 km/h. Aus den gehaltenen Geschwindigkeiten gibt es bis zu 2,5 Punkte.

Dazu bewerte ich getrennt das Anfahr- und Motorgefühl, noch einmal bis zu 2,5 Punkte: Setzt die Unterstützung natürlich und gut dosiert ein, oder ist da ein spürbares Loch beim Anfahren und ein ruckiges Nachschieben? Eine Zahl im Datenblatt sagt darüber nichts, das Gefühl am Hang sehr viel.

E-Bike fährt im Test die 8,1-Grad-Referenzrampe am Weinberg hoch, daneben ein Messgerät
Im Test werden Anstiege gefahren und dann die Leistung des E-Bikes bewertet.

Bremsweg, am Boden gemessen

Bremsen entscheiden im Ernstfall über mehr als Komfort. Ich messe den Bremsweg nicht mit der Stoppuhr, sondern als Strecke am Boden, mit Zollstock oder Maßband. Aus rund 25 km/h bremse ich gezielt bis zum Stillstand und lege die Strecke vom Bremspunkt bis zum Stehen ab. Drei Versuche, daraus der Mittelwert.

Beim M60 Fatbike lagen die drei Bremsungen bei 3,22, 3,26 und 3,24 Metern, im Schnitt also 3,24 Meter. Wie viele Punkte das gibt, hängt vom Mittelwert ab: unter 3,5 Meter die volle Wertung, darüber gestaffelt weniger, bis zu 4 Punkte sind hier möglich. Ein kurzer, sauber dosierbarer Bremsweg ist mir lieber als der stärkste Motor. Wenn die Bremse schwammig packt oder bei Nässe spät greift, steht das im Test, ganz gleich, wie gut der Rest ist.

M60 Fatbike E-Bike auf einem Weg in den Stuttgarter Weinbergen, davor ein Zollstock am Boden zur Bremsweg-Messung
Bremsweg-Test mit dem M60 Fatbike in den Stuttgarter Weinbergen. Der Zollstock liegt zur Messung am Boden. | Foto: eBike-Crew.de

Ausstattung und Alltag

Ein E-Bike lebt nicht nur von Reichweite und Motor, sondern von den Dingen, die du jeden Tag anfasst. Deshalb gehe ich eine feste Ausstattungs-Checkliste durch, die sich automatisch nach dem E-Bike-Typ richtet. Bei einem Alltagsrad schaue ich zum Beispiel auf Licht vorne und hinten, Bremslicht, Schutzbleche, Gepäckträger mit echter Traglastangabe, Seitenständer, Klingel, entnehmbaren Akku, Schiebehilfe und einen tiefen Durchstieg. Jeder Punkt wird einzeln vergeben: null, wenn er fehlt, voll, wenn er sauber gelöst ist, Zwischenwerte für halbgare Lösungen.

Beim M60 gab es zum Beispiel volle Punkte für den stabilen Gepäckträger und den sauber in den Rahmen integrierten, abschließbaren Akku, aber Abzug, weil ab Werk keine Klingel dabei ist, sondern eine ziemlich laute Hupe, die eher nervt.

Handling

Wie leicht lässt sich der Akku entnehmen und auch wieder einsetzen?

Dazu kommt das Handling: wie leicht sich der Akku entnehmen und laden lässt, wie schwer das Rad auf der Waage wirklich ist, das wiege ich selbst, und ob das Display auch bei Sonne ablesbar und die Bedienung verständlich ist. Aus Checkliste und Handling entsteht die Note Alltagstauglichkeit.

Fahrverhalten und Komfort

Hier geht es darum, wie sich das Rad wirklich anfühlt. Komfort: Wie viel schlucken Federung, Sattel und Reifen, wenn der Weg ruppig wird? Fahrdynamik: Liegt das Rad satt und spurtreu, oder wirkt es in engen Kurven kippelig und träge? Und der Antriebsstrang: Schaltet die Gangschaltung sauber oder hakt und springt sie?

Beim M60 zum Beispiel bügeln die Federgabel mit Lockout und die dicken 26 x 4,0 Zoll Reifen grobe Schläge weg, in engen Kurven machen sich die 34,5 Kilo Stahlrahmen aber als Trägheit bemerkbar. Genau solche ehrlichen Zwischentöne gehören in den Test, nicht nur das eine Etikett gut oder schlecht.

Alexander Haselhoff testet das M60 Fatbike E-Bike auf Schotter und Trails im Abendlicht

Das M60 Fatbike auf Schotter und leichten Trails. Fette Reifen, viel Spaß, ordentlich Gewicht. | Foto: eBike-Crew.de

Sicherheit

Sicherheit ist eine eigene Note, kein Nebensatz. Hier fließt der gemessene Bremsweg ein, dazu ob Licht vorne und hinten zuverlässig funktioniert, ob Bremslicht und Reflektoren da sind, wie steif und spurtreu Rahmen und Gabel sind und wie sich die Bremse anfühlt: fein dosierbar mit wenig Handkraft oder giftig und kraftraubend.

Beim M60 ist der Bremsweg top, aber die mechanische Single-Piston-Bremse braucht spürbar mehr Handkraft als eine Hydraulik, und das Rücklicht ist nur ein Batterielicht ohne Bremslichtfunktion. Für die volle StVZO-Konformität fehlt sogar noch ein zweiter Reifenreflektor. Solche Punkte schreibe ich hin, auch wenn der Rest stark ist.

Motor, Akku, Gewicht: worauf ich achte

Mittelmotor oder Nabenmotor

Beim Antrieb schaue ich zuerst auf die Bauart. Ein Mittelmotor sitzt im Tretlager und schiebt am Berg meist kräftiger und gleichmäßiger, ein Nabenmotor im Hinterrad ist oft günstiger und für die flache Pendelstrecke völlig ausreichend. Die großen Marken wie Bosch und Shimano haben ihre eigenen Charaktere bei Ansprechverhalten und Laufruhe, und genau das fahre ich heraus, statt nur die Wattzahl zu nennen.

Akku und Gewicht ehrlich gemessen

Beim Akku zählt für mich die ehrliche Wattstunden-Kapazität in Verbindung mit dem gemessenen Verbrauch, nicht die beworbene Maximalreichweite. Und das Gewicht wiege ich selbst, weil es darüber entscheidet, ob du das Rad noch in den Keller oder aufs Auto bekommst.

Wie aus allem eine Note wird

Jede Messung und jede Bewertung fließt in eine von fünf Kategorien, und die haben unterschiedliches Gewicht. Was du im Alltag am meisten merkst, zählt am meisten. So ist die Gewichtung verteilt:

Kategorie Gewichtung
Antrieb und Reichweite 25 %
Fahrverhalten und Komfort 25 %
Preis-Leistung 20 %
Alltagstauglichkeit 15 %
Sicherheit 15 %

Jede Kategorie wird erst für sich auf einer Skala von 0 bis 10 bewertet, dann nach diesem Gewicht verrechnet. Daraus entsteht eine vorläufige Gesamtnote. Am Ende erlaube ich mir eine kleine Gesamteindruck-Korrektur von höchstens drei Zehnteln nach oben oder unten, aber nur mit ausgeschriebener Begründung und niemals gegen die Daten. Wenn die Zahlen 7,8 sagen, mache ich daraus keine 9, nur weil mir das Rad sympathisch ist. Heraus kommt die Endnote und eine Wortnote wie befriedigend, gut oder sehr gut.

Preis-Leistung immer relativ zur Klasse

Ein Wort zur Preis-Leistung, weil die oft falsch verstanden wird: Ich bewerte sie immer relativ zur Preisklasse. Ein Rad für unter 1000 Euro wird nicht an einem 4000-Euro-Rad gemessen, sondern an dem, was man in seiner Liga erwarten darf. So bekommt ein günstiges Rad, das in seiner Klasse viel bietet, eine starke Note, ohne dass ich so tue, als würde es in der Oberklasse mitspielen.

Immer gleiche Bedingungen

Damit Tests untereinander vergleichbar bleiben, halte ich die Rahmenbedingungen konstant: meine realen 100 kg Fahrergewicht, Reifendruck nach Herstellerangabe und über alle Messungen gleich gehalten, dieselbe Mischrunde, dieselben zwei Rampen. Das Wetter und die Temperatur notiere ich immer mit. So ist ein Unterschied im Ergebnis ein echter Unterschied am Rad und kein Messzufall.

Beispiele aus echten Tests

Wie das in der Praxis aussieht, zeigen die Räder, die ich über Tage und Wochen gefahren bin. Das Touroll MA2 hatte ich als Pendler im Dauerbetrieb, quer durch die Stadt und wieder zurück, bei jedem Wetter. Das M60 Fatbike habe ich über losen Schotter, Waldwege und leichte Trails gescheucht. Mit dem iScooter UcityS, einem kompakten Urban-E-Bike, bin ich durch die Stuttgarter Weinberge gefahren. Jedes dieser Räder hat seine Reichweite, seine Rampen und seinen Bremsweg bei mir abgeliefert, bevor ich eine Note vergeben habe.

Weiterlesen und vergleichen

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Alle getesteten Räder samt Preisvergleich findest du im E-Bike-Finder. Und wenn du die Technik dahinter verstehen willst, vom Akku bis zum Motor, hilft dir mein E-Bike-Ratgeber.

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